Für 9 € einen Monat Bahnfahrt – eine gute Idee?

Ein Erfahrungsbericht – mit dem Versuch eines Ausblicks und Überlegungen zu Hintergründen

Es ist Montagmorgen, ich sitze im Zug von Neubrandenburg nach Lübeck. Am Vortag habe ich hier an einem Fahrradevent teilgenommen, zusammen mit etwa 3000 anderen aus dem ganzen Bundesgebiet.
Davon wollen heute natürlich so manche auch per Bahn heimwärts.
Im Einsatz ist nun ein Kurzzug mit 6 (i. W. sechs) regulären Fahrradstellplätzen. Die Schaffnerin ist kulant und lässt 10 Fahrgäste mit Rad ein, auch wenn dadurch der Durchgang versperrt und ein Teil der Fläche eigentlich für Rollstuhlfahrer oder Kinderwagen gedacht ist.
Auch ohne die Räder ist der Zug sehr voll, nach 2 weiteren Stationen müssen einige im Gang zwischen den Sitzreihen stehen. Gestartet ist der Zug in Stettin, viele Fahrgäste zücken bei der Kontrolle statt eines Tickets ihren ukrainischen Pass.

Der nächste Zug mit diesem Fahrziel fährt 2 Stunden später.
Mir kommt der Gedanke, was wird erst los sein, wenn das 9-€-Ticket zur Geltung kommt?


Das erinnerte mich zuerst etwas an die Billigflieger-Kampagne zu Anfang der 2000er-Jahre: nach den Kamikaze-Entführungen am 11. September 2001 trauten sich viele nicht mehr in ein Flugzeug – bis Werbesprüche wie „zum Taxipreis nach Barcelona“ die Angst vergessen ließen. Wenn es nur 19 € kosten sollte, schien das Risiko egal zu sein.

Und jetzt, nach 2 Jahren Halb-Leerfahrten in Coronazeiten: same procedure – now by train?

In Wirklichkeit sind die Züge, zumindest auf den wichtigsten Strecken, jetzt schon wieder voll. Wer z. B. auf halber Strecke zwischen Berlin und der Ostsee den Zug nutzen will, wird wegen Überfüllung oft gar nicht eingelassen.
Mein Eindruck ist daher, diese Aktion führt in die falsche Richtung.

Man hätte aus Erfahrung lernen können: ähnliche Überlastungen erlebte die Bahn schon 1995 bei Einführung des „Schönes-Wochenende-Tickets“, mit dem man für 15 DM zu fünft durchs ganze Land fahren konnte.

Man hätte auch einfach von den Österreichern abkupfern können, die jüngst mit großem Erfolg ein günstiges Ganzjahresticket eingeführt haben. Nach einfachem Prinzip: für 365 € durch ein Bundesland, zum doppelten Preis durch zwei Bundesländer, zum Dreifachen durch die ganze Republik. Wobei sich der Preis auf die andere Landesgröße noch anpassen ließe. Ähnliches kennt man in der Schweiz, dort ist das nicht mal billige „General-Aboticket“ als ÖPNV-Jahrestarif seit langem ein Erfolg.

2,5 Mrd. € soll dieses Regierungsbonbon den deutschen Steuerzahler nun kosten – Geld, das dringend für Investitionen gebraucht würde, um diese Bahn und den sonstigen ÖPNV attraktiver zu machen. Statt dessen werden die Fahrgäste nun noch mehr überfüllte und zudem oft unpünktliche Züge erleben.

Also nur ein Strohfeuer, ein schlecht durchdachter PR-Coup?

Es mag sein, dass auch diese Regierung hier ohne richtigen Plan drauflos wurstelt. Nachdem aber der hierfür federführende Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) sich bei Amtsantritt als „Anwalt der Autofahrer“ proklamiert hatte – der Autofahrer, oder der Autoindustrie? – bekomme ich den Verdacht, in Wirklichkeit ist genau das von diesem Minister und seiner Partei auch beabsichtigt: den Leuten soll das Bahnfahren noch weiter vermiest werden, damit sie sich doch wieder ein Auto kaufen. Und es würde mich nicht wundern, wenn dieser Herr nach seiner Amtszeit mit einem gut dotierten Beraterposten in der Autoindustrie belohnt wird.
Dann fragt man sich aber: wieso machen die mitregierenden Roten und Grünen so etwas mit? Fehlt es da am Willen oder an der Fähigkeit, ein solch abgefeimtes Spiel zu durchschauen?

PS: Ich verpasse danach meinen Anschlusszug Richtung Köln, weil der 12 Minuten früher und von einem anderen Gleis abfährt als ursprünglich ausgeschrieben – obwohl ich darüber per SMS hätte informiert werden sollen. Ich komme zwar noch 1 Minute vor Abfahrt auf den Bahnsteig, der Schaffner lässt mich aber nicht mehr einsteigen. Im Nächsten kommt die Durchsage, das Bordbistro könne „vorerst“ nicht geöffnet werden – weil das Personal dafür durch einen verspäteten Zug nicht zum Dienst erscheinen konnte. Soviel schon jetzt zum Alltag bei der Deutschen Bahn.