»Was würdest du tun, wenn dein Lebensunterhalt nicht von Lohnarbeit
abhängen würde?«
»Für wen oder was arbeitest du eigentlich – und dient das wirklich dem
Leben?«
»Warum gilt nur als wertvoll, wofür Geld fließt?«
»Wann hast du zuletzt etwas getan, das keinen „Nutzen“ hatte – und
trotzdem sinnvoll war?«
Diese Fragen wollen die Aktivist*innen mit ihrer kreativen Aktion des zivilen Ungehorsams in den öffentlichen Diskurs bringen. Im Adbusting¹-Stil wurde der Inhalt eines riesigen Werbeaufstellers vor dem Hauptsitz der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg an diesem Donnerstagmorgen um kurz nach 7 Uhr für ein paar Stunden abgeändert.
»Warum arbeiten wir? Und für Wen?«
In den frühen Morgenstunden, kletterten Aktivist*innen den Werbeaufsteller hinauf und entfalteten darüber ihr Banner mit der Aufschrift: »Warum arbeiten wir? Und für wen?«
Durch die farbliche Abstimmung sah es so aus, als wär das der eigentliche Inhalt des Werbeaufstellers.
Die aktuelle Bundesregierung verschärft den sowieso schon harten neoliberalen Arbeitskurs weiter, indem das Bürgergeld ersetzt wurde, sogenannte Sanktionen auch soweit gehen sollen, dass Menschen keine Unterstützung zur Miete bekommen und somit auf der Straße landen würden. Carsten Linnemann (CDU), dessen extreme Forderungen bei seinem ideologischen Kollegen und dem aktuellen Bundeskanzler Friedrich Merz auf zustimmung treffen, fordere sogar die Einführung von Zwangsarbeit.
„Eine Kündigung, eine Krankheit, eine Trennung – und du stehst vor dem Jobcenter“, sagt Karolin Weber. „Für die meisten Menschen ist es wahrscheinlicher, auf Grundsicherung angewiesen zu sein, als jemals Millionär zu werden. Aber statt das soziale Netz zu stärken, wird es zerschnitten.“
Doch gäbe es angesichts der sich verschärfenden Klimakatastrophe, der Krise der liberalen Demokratien und der Notwendigkeit für Care-Arbeit bei jung und alt nicht sinnvollere Wege, in die Arbeit und Energie fließen sollten?
Für ihre Standpunkte und Zukunftswünsche verteilten die Aktivist*innen Flyer und erstellten eine Webseite (www.bundesagenturfueralle.de) im Stil der Bundesagentur für Arbeit auf denen sie diese in »Bundesagentur für Alle« umbenannten.
Die Protestaktion wurde kurz vor 8 Uhr einvernehmlich mit der Bundesagentur für Arbeit und den Aktivist*innen beendet. Einen Polizeieinsatz oder ähnliches gab es nicht.
1: Adbusting ist eine Form des Protests bei der Werbung im öffentlichen Raum abgeändert wird um eine meist wahrheitsgetreuere Aussage als die ursprüngliche Werbung (engl.: advertisement; abgekürzt: ad) zu erreichen.
Pressemitteilung der Gruppe
Nürnberg, den 30.04.2026
Auftakt zum 1. Mai: Protestaktion stellt unbequeme Fragen
NÜRNBERG – Anlässlich des morgigen Tages der Arbeit überraschte eine kleine Gruppe mit einer spektakulären Aktion. Vor der Haupteingang der Bundesagentur für Arbeit (BA) überhängten zwei Kletternde ein 6 mal 4 Meter großes rotes Banner mit ihrer eigenen Botschaft: „Warum arbeiten wir? Und für wen?“. Bei der friedlichen Aktion ließen sie Seifenblasen steigen und tanzten gelöst als Bild für eine Gesellschaft ohne Druck und Angst. Vorbeigehende und auch interessierte Mitarbeitende erhielten Flyer im Stil einer offiziellen Broschüre der BA – mit fiktiven Reformen, die zum Nachdenken einladen.
„Wir haben uns bewusst für dieses Datum entschieden.„, sagt Karolin Weber, Pressesprecherin der Aktionsgruppe. „Am 1. Mai erinnern wir an das, was arbeitende Menschen erkämpft haben – soziale Sicherheit. Gerade jetzt, wo so viele dieser Errungenschaften wieder in Gefahr sind, ist dieser Tag wichtiger denn je. Aber eine Frage wird dabei selten gestellt: Warum arbeiten wir eigentlich? Für die Pflegekraft, die nach Jahrzehnten im Beruf aufstocken muss? Oder für den Milliardär, der im Schlaf reicher wird als andere in einem ganzen Arbeitsleben?„
Utopie als Denkanstoß
Der verteilte Flyer verkündet fiktive Maßnahmen, die zum 1. Mai in Kraft treten: ein bedingungsloses Grundeinkommen, die Anerkennung unbezahlter Fürsorgearbeit, die Demokratisierung von Betrieben. Im Kleingedruckten steht: „Diese Reformen sind frei erfunden, die Welt, in der sie möglich wären, noch nicht.„
„Das ist kein Scherz – das ist ein Denkanstoß„, so Karolin Weber. „Wir wollten zeigen, wie es sich anfühlt, wenn Politik die Sorgen der Menschen ernst nimmt, und wie absurd es ist, dass das als Utopie gilt.„
Sozialabbau betrifft die Mehrheit
Die Aktion findet vor dem Hintergrund massiver sozialer Einschnitte statt. Die Regierungskoalition verschärft Sanktionen beim bisherigen Bürgergeld, das zu Grundsicherung unbenannt wurde, höhlt das Gesundheitssystem aus und erklärt die gesetzliche Rente offen zur bloßen „Basisabsicherung„. Der Paritätische Gesamtverband warnt vor einem sozialpolitischen Kahlschlag, der Familien, Alleinerziehende, kranke und behinderte Menschen sowie Geringverdienende gleichermaßen trifft.
„Eine Kündigung, eine Krankheit, eine Trennung – und du stehst vor dem Jobcenter„, sagt Karolin Weber. „Für die meisten Menschen ist es wahrscheinlicher, auf Grundsicherung angewiesen zu sein, als jemals Millionär zu werden. Aber statt das soziale Netz zu stärken, wird es zerschnitten.„
Reichtum ehrlich benennen
Die Aktionsgruppe kritisiert, dass die Debatte gezielt von der Verteilungsfrage ablenke. Deutschland besteuert Arbeit hoch, Vermögen dagegen kaum. Große Erbschaften und Kapitalerträge werden geschont, während Beschäftigte mit jedem verdienten Euro zur Kasse gebeten werden.
„Uns wird erzählt, die Milliardäre schaffen Arbeitsplätze und tragen ein großes Risiko. Aber deren Risiko ist längst abgesichert – durch Steuerprivilegien, Erbschaften und im Zweifel durch den Staat. Das tatsächliche Risiko tragen die, die jeden Tag arbeiten: mit ihrer Gesundheit und ihrer Existenz.„
Fragen statt Parolen
Die Aktionsgruppe stellt bewusst keine klassischen Forderungen, sondern Fragen: Was würdest du tun, wenn dein Lebensunterhalt nicht von Lohnarbeit abhängen würde? Warum gilt nur als wertvoll, wofür Geld fließt?
„Wir wollen niemanden belehren. Wir wollen, dass Menschen innehalten. Die Abschaffung der Kinderarbeit galt als unrealistisch. Das Wochenende galt als unrealistisch. Jedes Mal hieß es: ‚Dann arbeitet ja niemand mehr.‘ Und jedes Mal lagen sie falsch.“
Quellen: Sanktionsfrei e.V. – Bürgergeldstudie 2025 (sanktionsfrei.de/studie25) · Böckler Impuls / WSI, Böhme & Dingeldey 2026 · Blank, Schmitz-Kießler & Windscheid-Profeta, VjH Arbeits- und Wirtschaftsforschung 4/2025 · DIW Berlin 2026 · DIW-Studie Bach/Mudrack/Wichers i.A. Rosa-Luxemburg-Stiftung 2026*