10 Jahre Besetzung des Hambacher Waldes

Es begann am 14. April 2014 mit einem Kulturfest im Hambacher Wald, an dem sich verschiedenste Personen und Organisationen beteiligten. Musikalisch gestaltete das Fest Klaus der Geiger, der in den folgenden Jahren immer wieder mit seiner Geige und seinen Freunden in den Wald kam. Viele Waldbesetzer*innen kannten sich bereits aus anderen Zusammenhängen, wie dem Wendland und der Startbahn West. Es war eine kleine und vertraute Gruppe und die Besetzung selbst begrenzte sich auf einen engen Raum.

Die Besetzung spaltete die Bewohner umliegender Dörfer. Für die meisten waren es gewaltbereite Kaoten, die aus dem Wald vertrieben werden sollten. Aber andererseits trafen sich an den Wochenenden im Wald Menschen, die auch heute noch gemeinsam für die Klimagerechtigkeit eintreten. Heute ist allgemein klar, dass die Erderwärmung begrenzt werden muss. Aber 2012 haben viele Menschen die Relevanz dieses Problems nicht begriffen oder nicht sehen wollen. Die Waldbesetzer*innen sahen und sehen sich in der Verantwortung für eine lebenswerte Zukunft einzutreten und diese unter Umständen auch mit ihrem Körper zu verteidigen. Kritisiert wird das am Wachstum orientierte kapitalistische Wirtschaftssystem, das wenigen Menschen Wohlstand beschert und vielen Menschen Armut. Mit dieser Kritik stehen die Klimaaktivisten nicht allein. Z. B. auch Papst Franziskus spricht in seiner Enzyklika LAUDATO SI´ klare Worte gegen unser Wirtschaftssystem, das tötet.

Aber das Handeln der Waldbesetzer*innen wurde weitgehend auf die Gewaltfrage reduziert. Das Interesse von RWE bestand und besteht in der Sicherung ihrer Betriebsabläufe, die z. B. durch Besetzungen von Gleisen und Bagger, Steinwürfe gegen Firmenfahrzeuge und mehr unterbrochen wurden. Dieses ist in der Sicht von RWE und dem herrschenden Strafrecht Gewalt. Die Besetzer*innen nehmen für sich in Anspruch, dass ihr Handeln legitim ist und die Gewalt von RWE ausgeht, in dem der Konzern die Umwelt und Lebensbedingungen der Menschheit im Kontext mit weiteren Konzernen zerstört.

Die Hoffnung von RWE, mit der Räumung des 1. Camps im November 2012 den „Spuk“ für immer zu beenden, bewahrheitete sich nicht. Allein die mediale Öffentlichkeit, die mit dieser Räumung verbunden war, sorgte für die Verbreitung über die Bundesrepublik hinaus. Für alle überraschend hatte ein Aktivist einen Tunnel bis in eine Tiefe von 10 Metern gegraben und sich darin zurückgezogen. Es war bis dahin die längste Räumung Deutschlands und dauerte vier Tagen. Alle erhielten durch RWE eine Platzverbot, aber juristische Konsequenzen gab es keine.

Bereits mit der Räumung war der Fortbestand der Besetzung gesichert. Ein Buirer Bürger stellte den Besetzern*innen seine Wiese am Rand des Hambacher Waldes zur Verfügung, die im Dezember 2012 offiziell in Besitz genommen wurde. Aber Räumungen bedeuten für die Geräumten massive Belastungen, von denen jede ihren und jeder seinen Abstand benötigte. In der Konsequenz veränderten sich mit jeder Räumung auch die aktiven Personen. Viele kamen über die mediale und internetmäßige Verbreitung neu hinzu. Nicht mehr eine Baumhaussiedlung, sondern viele waren es in den Folgejahren.

Auch die bürgerlichen Schichten entdeckten den Hambacher Wald für sich, der liebevoll „Hambi“ genannt wird. Die ortsansässige Bürgerinitiative Buirer für Buir, die bereits seit dem Kulturfest eingebunden ist, brachte zusammen mit Michael Zobel, einem Naturpädagogen, den Hambi in die Wohnzimmer Interessierter. Einmal im Monat begleitete er erst wenige und später mehrere hundert durch den Wald, zeigte, erläuterte und stellte Kontakte zu den Besetzern her. Der Hambacher Wald wurde zum Symbol des Klimaschutzes. Eine Petition zum Erhalt des Waldes folgte. Die stillgelegten Autobahn A4, das den verbliebenen Hambacher Wald in zwei Teile teilte, wurde zur Demarkationslinie. Gefordert wurde südlich dieser Linie keinen Baum mehr zu fällen. In verschiedensten Aktionen, die z. B. Horst Wackerbarth mit seiner Roten Couch unterstützte, wurde dieser Forderung Nachdruck verliehen.

Aber RWE steht nicht für sich allein, sondern hat die Landesregierung NRW im Rücken. Um den Tagebau in gewohnter Weise fortzuführen, hätte der Restwald in der Rodungsphase 2018/19 vernichtet werden müssen. Bereits im Frühjahr 2018 wurden die sog. kriminellen Aktivitäten der Besetzer*innen verstärkt in den Vordergrund gestellt. Eindeutige Beweise zu Lasten einzelner Aktivisten*innen gab es nicht, außer dem Hinweis, dass die beschuldigten Personen im Wald verschwunden seien. Die Spitze der Fakenews war die Aussage, dass es im Hambacher Wald ein Tunnelsystem vergleichbar mit Vietnam geben würde. Die Landesregierung suchte einen Grund, um für RWE den Wald räumen zu lassen. Herhalten musste der Brandschutz, der in den Baumhäusern nicht gewährleistet sei. Im September 2018 erfolgte die letzte Räumung des Hambacher Waldes. Tragisch war der tödliche Unfall des Fotojournalisten Steffen Meyn am 19. September 2018. Da das Verwaltungsgericht Köln die Räumungsaktion als Rechtswidrig geurteilt hat, wird Armin Laschet und Herbert Reul nicht nur von den Eltern Unmenschlichkeit vorgeworfen. Die Landesregierung hat einen Weg gesucht RWE den Weg für den weiteren Braunkohleabbau freizumachen.

Diesen Weg versperrte das Oberverwaltungsgericht Münster, das die weitere Rodung des „Hambi“ untersagte. Begleitet wurde das Urteil durch eine Demonstration mit 50.000 Teilnehmern, eine gigantische Zahl, die unterstreicht, welche Symbolkraft der Wald bekommen hatte. Mit der neuen Leitentscheidung der Landesregierung ist nun klar, dass der Wald nicht gerodet wird. Ob er weiter stehen bleibt, ist auch davon abhängig, ob ihm durch die angrenzenden Kiesgruben und die geplante sog. Manheimer Bucht nicht das Wasser abgegraben wird.

Der „Hambi“ als Symbol der Klimabewegung wurde auch in Berlin wahrgenommen. Im Januar 2019, zum Abschuss der Kohlekommission, waren die Fahnen nicht zu übersehen. Peter Altmaier, der es sich nicht nehmen lassen wollte, zu den 50.000 Teilnehmern*innen der Demonstration zu sprechen, wurde mit den Worten: „Geh zurück in dein Ministerium und mach deine Hausaufgaben“, ausgebuht.

Mit der Entscheidung, den Wald nicht zu roden, sind die Besetzungen nicht zu Ende. Der Landesregierung und RWE wird kein Glaube geschenkt. „Erst wenn die Bagger weg sind, gehen wir.“ Nach dem September 2018 kamen mehr Menschen in den Wald als je vorher da waren. An vielen neuen Stellen entstanden weitere Baumhaussiedlungen. Im Sinne des Waldschutzes kann diese Entwicklung kritisch gesehen werden. Aktuell haben sich aber viel Menschen neu orientiert und sind in Dannenröde, Sterkrade, Lützerath usw. zu finden. Einige Baumhäuser werden bereits wieder abgebaut. Aber noch im Dezember 2012 rodete RWE einen kleinen Wald.

Anlässlich des 10jährigen Jubiläums der ersten Waldbesetzung hat sich eine kleine Gruppe die Mühe gemacht, Fotos aus den letzten 10 Jahre zu sichten und daraus eine Fotodokumentation in Buchform zu gestalten. Der Titel heißt „10“ und das Buch wurde in Manheim präsentiert  https://www.verlag-kettler.de/de/buecher/10-jahre-hambacher-forst/. Neben den Fotografen waren auch die Eltern von Steffen anwesend.