Volkstrauertag: „Gesundheit im NS und heute“

Münster-Hiltrup. Am 15. November 2020 gedachten der ökumenische Vorbereitungskreis bestehend aus Vertreter*innen der katholischen und der evangelischen Kirche in Hiltrup, das „Bündnis gegen Abschiebungen“ in Münster, das „Institut für Theologie und Politik (ITP)“ und die „Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschist*innen (VVN-BdA) der Zwangsarbeiter*innen in Münster-Hiltrup.

Die Gedenkveranstaltung war wegen der Corona-Pandemie zum Teil ins Internet verlegt worden. So wurden die inhaltlichen Reden von Detlef Lorber (VVN-BdA) über die Zwangsarbeiter*innen in Hiltrup und „Medizin im Nationalsozialismus“ und die Rede von einem Aktivisten des Bündnisses gegen Abschiebungen zum Thema „Gesundheitsversorgung im Bereich Flucht und Asyl“ ins Internet verlegt.

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Volkstrauertag: „Gesundheit im NS und heute“
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Der Kaplan Andreas Britzwein von der katholischen Sankt-Clemens-Gemeinde in Hiltrup-Amelsbüren begrüßte die Anwesenden indem er betonte, dass es schön sei, dass man doch in kleinem Kreis ein kleines Gedenken im Freien organisieren konnte. Die normale Gedenkveranstaltung könne schließlich wegen Corona nicht in der kleinen Kirche Sankt Clemens stattfinden. Es sei wichtig, dass man einen Ort für sein Gedenken habe: „Wir gehen zum Friedhof, wir gehen zu den Gräbern der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter. Es werden unsere Kerzen heute hier brennen. Und wir werden Blumen zu den Gräbern bringen“. Erinnern daran, dass damals Menschen zu „Versuchsobjekten degradiert wurden“. Das sei etwas „in der Geschichte einmaliges, dieser Abgrund und absolut böse“. Aber auch in den vergangenen Jahrzehnten wurde die Gesundheit in verschiedenen Kriegen angegriffen. Er erinnerte daran, dass das „Leben heilig ist und die Würde des Menschen unantastbar, unverlierbar von Gott gegeben ist“. Abschließend machte er deutlich, dass deshalb das Gedenken an die Zwangsarbeiter*innen in Hiltrup so wichtig sei.

Julia Lis vom ITP hielt vor Ort die Gedenkansprache. Sie erinnerte daran, dass die Gedenkveranstaltung unter besonderen Bedingungen stattfinden würde. „Die Corona-Pandemie, die seit Monaten unseren Alltag bestimmt, lässt auch gesellschaftliche Gegensätze und Ungleichheiten mit neuer Schärfe zutage treten“. Die Pandemie mache den Menschen Angst und führe zu einem Rückzug ins Private. Deshalb sei diese Zusammenkunft „ein Kontrapunkt zu dieser Isolation“. Es gäbe den Menschen Raum, sich zu erinnern und „daran festzuhalten, dass es um mehr geht als „Überleben und Angst“. Deshalb erinnere man an die Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeit in Hiltrup, aber auch der anderen Opfer des Faschismus: „Weil die Welt, in der wir leben wollen, eine ist, in der auch die Toten und Besiegten Platz haben. Eine Welt, die sich mit dem Umslebenkommen der Menschen vor der Zeit nicht abfindet und diese nicht einfach als Kollateralschaden abtut“.

Und sie fast zusammen: „Wenn wir dies alles anschauen, wissen wir, dass unser Kampf für diese andere Welt noch lange nicht zu Ende ist und dass er deshalb auch in den Zeiten der Pandemie keine Pause einlegen kann. Wenn wir uns heute der Toten von vor über siebzig Jahren erinnern, dann ist es auch Ausdruck unseres Protestes gegen eine Welt, die sich an Zweckrationalitäten orientiert“. Erinnern sei deshalb ein Akt der Solidarität: „An der Erinnerung der Leidensgeschichten festzuhalten ist uns eine Aufgabe, gerade in diesen Zeiten, in Solidarität auch für eine neue Gesellschaft zu kämpfen.“

Abschließend erinnert sie daran, dass man unter Corona in einem „Ausnahmezustand“ lebe. Wobei „mit diesem Ausnahmezustand immer die Pandemie gemeint ist, seltener aber die Aussetzung von Demokratie und demokratischen Grundrechten, die wir ebenfalls weltweit erleben“. Sie zitiert deshalb Walter Benjamin: „Die Tradition der Unterdrückten belehrt uns darüber, dass der Ausnahmezustand, in dem wir leben, die Regel ist.“ Man müsse deshalb zu einem Begriff der Geschichte kommen, der dem gerecht wird, so Julia Lis. „Dann wird uns als unsere Aufgabe die Herbeiführung des wirklichen Ausnahmezustands vor Augen stehen“. Die Toten des Faschismus wie die Leidenden und Sterbenden weltweit würden daran erinnern. Deshalb dürfe man auch unter einer Pandemie nicht die Aufgabe aus dem Auge verlieren, die „Sehnsucht nach dem guten Leben für alle Menschen“ zu verwirklichen.

Die vor Ort gehaltenen Reden werden auch auf MünsterTube veröffentlicht werden.