Untergang große Maschinerie

Im Motivgewühl vulgärpopulistischer Fotografienorgien des Gratisinternets verblassen oft die alten Geschichten der sozialdokumentarischen Fotografie. Schwärmte der Kunsthistoriker Richard Hiepe 1983 in seinem sozialfotografischen Abriss noch emphatisch vom „Riesen Proletariat und großer Maschinerie“, scheinen beide mit der heutigen Moderne vielfach abhanden gekommen. Ein Thema der alten arbeiterfotografischen Bewegung. Die Auseinandersetzungen der Werktätigen und ihrer Gewerkschaften mit den Transformationen der Gegenwart durch die politisch und ökonomisch Mächtigen spielen heute kaum eine Rolle, obwohl diese dringender den je notwendig wären. Weiter hier!

Untergang große Maschinerie
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Bildinformationen: Untergang große Maschinerie|Die Vernichtung der Großen Maschinerie im Braunkohletagebau in Brandenburg und um Leipzig
Dateiname: 19940406_rd_123
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Am Beispiel der Klimaentwicklung als scheinbarem Schicksal und gesellschaftlich auszuhandelnder Herausforderung gebiert diese schmerzlich ihre Opfer bei den Werktätigen genauso wie bei den von ihnen erwirtschafteten Werten.

Kaum etwas zeigt dies so deutlich wie die Entwicklung im Braunkohletagebau, die – unumgänglich, unabwendbar und schicksalhaft – zuschlägt: Aus Orten werden Geisterdörfer, deren Kultur später verschwindet, Arbeitsplätze werden vernichtet, ganze Landstriche werden dem Boden gleich gemacht und Kulturlandschaften verschwinden. Den Menschen bleiben nur Erinnerungen.

Fridays for Future“, „Ende Gelände“ die große Bewegung im „Hambacher Forst“ oder in den Tagebauen Brandenburg und Sachsen oder „Alle Dörfer bleiben“ bilden den medialen Druck auf die Politik, die trotz aller Lobbyarbeit nicht mehr zurück kann. Denn Kohleverstromung ist Technik von gestern. Nobelpreisträger Joseph Stieglitz der ZEIT gegenüber am 26. Mai 2020 kann sie „nicht Teil einer zukünftig dynamischeren und wissensbasierten Wirtschaft sein”.

Worüber allerdings noch zu reden wäre sind die großen materiellen Werte, die auch durch diese Arbeiterhand geschaffen wurden und über die schon Karl Marx in seinem 1. Band des Kapital unter „Maschinerie und große Industrie“ begeistert schrieb, wie ein Dampfhammer von über 6 Tonnen auf einem Amboss von 36 Tonnen Gewicht ein Schaufelrad für einen Bagger formt. Heute – noch viel mächtiger – zählen dazu die riesigen Braunkohlebagger und Förderbänder, die Kolosse im Tagebau, die „große Maschinerie“, deren Abgesang schmerzhaft-lang – für viele zu lang – stattfindet und die in ihrem Niedergang und „Rückbau“ darin verborgene Arbeitsleistung von Menschen verschweigt.

Unser Fotograf Rudi Denner hat sich kurz nach den „Wende“, zwischen 1992 und 1994, mit seiner Rollei 6008 Mittelformat in den Braunkohletagebauen um Leipzig und anderswo auf den Weg gemacht, um die letzten Giganten, die Dinosaurier der Vergangenheit, vor ihrer Vernichtung und in ihren letzten Zuckungen liegend nach altbewährter schwarz-weiß-dokumentarischer Fotografie abzulichten. Heute gibt es dort keine Maschinerie mehr und kein Proletariat, die dort ihr Tagewerk verrichten. Der Natur bleiben künstlich erschaffene Landschaften. (Hans-Dieter Hey, Fotos: Rudi Denner)

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