Antiaufklärung durch Verschwörungsideologen und Querfrontler

Mit der Überschrift und dem anschließenden Fragezeichen „Mut zur Wahrheit?“ fand im NS-Dokumentationszentrum Köln am 16. November eine Aufklärungsveranstaltung zu den Themen Verschwörungstheorien und Querfront statt.

„Mut zur Wahrheit“ bezieht sich auf den Werbeslogan des als rechts geltenden Querfront-Magazins „Compact“ von Jürgen Elsässer. Elsässer spricht regelmäßig von unbequemen Wahrheiten, die dem Deutschen Volk vorenthalten würden. So sei Deutschland der „Umvolkung“ ausgesetzt, spricht vom „Kampf der Kulturen“ – unterstützt durch die „Lügenpresse“.

Elsässer Veranstaltung mit derart wahnhafter Provenienz war vor gut zwei Wochen von den Satory-Sälen gekündigt worden. Dafür findet sie nun im Kölner Umland, in Bergheim statt. Vermieter Medio.Rhein.Erft distanziert sich und bedauert den Vorgang, kann aber den Mietvertrag nicht kündigen.

Organisiert wird das Spektakel von „Querdenken-TV“. Dort ist man der Meinung, dass Deutschland durch die Eliten abgeschafft wird, „an deren Ende als Ziel die Zerstörung der Nationen und Kulturen Europas und die Abschaffung Deutschlands steht“. Dahinter stünde eine langfristige Agenda von „Großkapital, FED und UN, was man inzwischen bestens belegen könne“, wird Elsässer durch Hans-Peter Killguss, Leiter der Bildungsstelle gegen Rechtsextremismus, zitiert. Solch krudes Zeugs hörte man gelegentlich auch auf „Friedenswinter-Veranstaltungen“ oder „Montagsmahnwachen“. Es trifft den Nerv zahlreicher Einfache-Welt-Versteher. Doch die Beweisketten der vermeintlichen Wahrheitsbesitzer blieben unbelegt oder scheinbar.

Moderner Antisemitismus

Genau an dieser Nahtstelle entsteht „moderner Antisemitismus, der als umfassendes Welterklärungsmodell funktioniert“, so der Antisemitismusexperte Jonas Fedders. Bis heute würden die Mythen gepflegt, dass das „Finanzjudentum“ mit Einfluss auf Zinsen, Geldstand und Wucherei die Welt beherrschten, um sie ins Chaos zu führen. Man finde immer wieder Begriffe wie die „Ostküste“, die „Rothschilds“, die Oppenheims, die „Rockefellers“, die „Wallstreet“ oder die Bilderberg-Konferenz. Wie es bei Mythen ist, bleiben diese historisch aber unbelegt. Fedders zitiert den Soziologen Detlev Claussen: „Der Antisemit leuchtet in die verborgenen Winkel, er entlarvt, er deckt die Machenschaften auf, er weiß, dass hinter allen Machenschaften Menschen stecken. Er weiß sie zu benennen: die Juden. Nicht als Individuum, sondern als Prinzip.“ Der Antisemit sei so das Gerücht über Juden, meinte einst Theodor Adorno.

Verschwörungstheorien beziehen sich auf Realitäten, werden aber immer mit „eigenen Interpretationen oder frei erfundenen Behauptungen gespickt“, so Killguss. Werden solche Inhalte und Vorgehensweisen schlüssig widerlegt, wird dies „in die Verschwörungstheorie integriert. Gerade weil alle anderen nicht sehen wollen, wie die Dinge wirklich laufen, wird um so mehr an der eigenen Wahrheit festgehalten.“ Es handelt sich um das immer gleiche Schwarz-Weiß-Schema als Freund-Feind-Bild. „Zentrale Botschaft von Verschwörungstheorien ist stets die angebliche Feindschaft einer Minderheit gegen die Mehrheit. Die Aktionspläne der Minderheit werden aufgedeckt zur Erklärung von Naturkatastrophen, Unglücksfällen, Terror und Krieg oder die Beherrschung der Welt durch finstere Mächte“, so Fedders.

Dies gipfele beispielsweise in der Behauptung, in der gegenwärtigen Flüchtlingssituation gebe es „globale Eliten, die Migrationsbewegungen stimulieren, um eine Durchmischung der Völker durchzusetzen“, zitiert Fedders Verschwörungstheoretiker Jürgen Elsässer.

Eine Diskussion mit ihnen und Antisemiten sei „weder möglich noch wünschenswert“ ist Fedders überzeugt. Solchen Entwicklungen hätten in unserer Gesellschaft allerdings keinen Platz.

Querfront: Nahtstellen zu Rechts?

Beim Thema Querfront gehe immer um den Vorwurf, dass es Nahtstellen zwischen Links und Rechts gegeben habe. Allerdings haben beide zutiefst entgegenlaufende Menschenbilder und Wertvorstellungen. Historisch betraf dies einige linke Splittergruppen, beispielsweise der Nationalbolschewisten. Leute wie Jürgen Elsässer und andere möchten diese Grenzen heute überwinden. Dabei generiert er sich dabei als Volksinitiative-Erfinder, Querfront und Volksfront zugleich.

Typisch zur Querfront wird ein Bild aus 2012 gezeigt, auf dem „außer Claus Hübscher von der FDP auch Andreas Neumann und Anneliese Fikentscher von der Kölner Arbeiterfotografie, (…) Yavuz Özoguz vom Muslimmarkt (…) und Mahmud Ahmadinedschad und – diesen Mann kennen sie alle, Jürgen Elsässer“ zu sehen sind. Der Besuch stand vielfach in der Kritik, weil sich einige – offenbar„gemeinsam im Geiste“ – zusammenfanden.

Mitreisender Yavuz Özoguz tauche als Wortführer auf einer Berliner „Friedensdemo“ auf. „Er trägt auf seinem Unterarm eine merkwürdige Tätowierung. Einmal den Satz‚ die Palästinenser seien das einzige Volk, dass sich gegen Zionisten wehre. Außerdem eine 88 (Anm: die Zahl bedeutet im Alphabet HH = Heil Hitler) mit diesen Adlerflügeln kombiniert und mit dem 11. September. Ich bin sicher, er hat das Jahr 2001 gemeint (…).“ Palästinensische Jugendliche seien erschrocken gewesen, dass so jemand auf dieser Demonstration mitläuft.”

Auf der diesjährigen Linken Literaturmesse fand man auch die Verschwörungsapologeten der Arbeiterfotografie Köln wieder, denen man seit Jahren Querfront-Nähe vorwirft. Der Protest gegen deren Auftritt war vorauszusehen, allerdings mit der Folge, dass „die Kritiker von der Veranstaltung ausgeschlossen wurden und nicht die beiden“, so Olaf Kistenmacher.

Anmerkung d.V.: Für die manche Linken besteht die Gefahr, Verschwörungsideologen, Querfrontlern oder Politikesotherikern auf den Leim zu gehen. Denn diese bieten für eine komplexe Welt keinerlei Lösungen. Kritische Linke sollten sich deshalb rückbesinnen auf das, was sie so gut können: die fundierte Gesellschafts- und Kapitalismusanalyse und -kritik nach ehrwürdiger Marx‘scher Tradition nebst dringend notwendiger Überzeugungsarbeit.

Inzwischen baut sich gegen die Veranstaltung von Elsässer Protest auf. Am 26. November soll ab 10 Uhr vor dem Medio.Rhein.Erft vor der „Verstrahlung von rechts“ gewarnt werden. Der Einlandung ist eine Liste von weiteren Querfrontverdächtigen beigefügt. Siehe hier!

Die außerordentlich gut besuchte Veranstaltung im NS-Dokumentationszentrum Köln fand im Rahmen des Projektes „Jederzeit wieder! Gemeinsam gegen Antisemitismus“ der Kölnischen Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit e.V., der Info- und Bildungsstelle gegen Rechtsextremismus Köln und der DGB-Jugend statt. (Hans-Dieter Hey)

Anm. d. Verfassers: Auf der Veranstaltung waren keine Fotos zugelassen.

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Weitere Nachweise hier:

http://www.hagalil.com/2016/11/literaturmesse-nuernberg/
http://blog.gwup.net/2011/03/13/verschworungstheorien-um-das-japan-beben/
http://wurfbude.wordpress.com/2014/04/20/querfront-der-nachste-versuch-friedensbewegung-2014-montagsdemos-usw/
http://www.aixpaix.de/deutschland/ramstein-201609.html
http://arbeiterfotografie.com/japan-11-03-11/index-japan-11-03-11-0001.html                                                   
http://www.iranreise.justdo-it.de/index.php?page=anneliese-fikenschter-und-andreas-naumann
http://www.potemkin-zeitschrift.de/2014/12/14/friedenswinter-und-betonlinke-oder-die-fatale-wirkung-der-systemkritik-der-ganz-dummen-kerls/
http://www.spiegel.de/politik/deutschland/fdp-politiker-bei-ahmadinedschad-mit-wem-huebscher-in-iran-war-a-831309.html

Einladung „Achtung! Verstrahlung von Rechts!“

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Bildinformationen: 6_P1300570_dehm_jebsen_maehrholz_13122014|Antiaufklärung durch Verschwörungsideologen und Querfrontler, Veranstaltung NS-Dok, Köln, Dieter Dehm (Die Linke), Lars Mährholz (Berliner Montagswachen), Ken Jebsen (Ken FM)
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