Münster: Gedenken „6 Monate Hanau“

„Ein halbes Jahr ist vergangen, seitdem neun Menschen in Hanau von einem Rassisten ermordet wurden. Der Anschlag war kein Einzelfall – genauso wenig wie die NSU-Mordserie, George Floyd und alle anderen rassistischen Gewaltfälle“, damit hatte das ODAK-Kulturzentrum zur antirassistischen Gedenkkundgebung an die Opfer des rechtsterroristischen Anschlags von Hanau am 22. August 2020 in der Stubengasse eigeladen.

Es gab kämpferische Reden und Musik. Es wurde zum wiederholten Male gefordert, doch endlich die rechtsterroristische Mordserie aufzuklären. Schließlich seien das keine Einzelfälle. Der NSU war kein Trio, die Mörder von Walter Lübke nicht zu zweit. Der Täter von Hanau stand nicht alleine mit seinem Hass! Es müsse endlich gegen den grassierenden Rassismus und Nazismus entgegengetreten werden.

Münster: Gedenken „6 Monate Hanau“
Copyright: (c) Jan Große Nobis

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Bildinformationen: Münster: Gedenken „6 Monate Hanau“|Antifaschist*innen gedachten der vor 6 Monaten in Hanau ermordeten Menschen
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Zum Ende wurde der Live-Stream von der wegen Corona abgespeckten Kundgebung in Hanau übertragen. Dort gab es statt einer bundesweiten Demonstration nur eine Gedenkveranstaltung der Angehörigen und Betroffenen des terroristischen Anschlags, die dafür live übertragen wurde.

Während der Live-Übertragung gab es eine Nazi-Provokation

Ein Dülmener Nazi mit T-Shirt „Nationaler Widerstand Dülmen“ provozierte am Rand der Münsteraner Kundgebung mit zweideutigen Gesten. Er wird von 3 Menschen gebeten zu gehen. Daraufhin filmt er die Menschen provokant. Am Ende schickte die Polizei den Nazi mit Anhang zwar weg ohne seine Personalien aufzunehmen.

Als eine junge Frau, selbst PoC, gegen über einem Polizisten bemerkte, dass es für sie gefährlich sein könne, wenn ihr Bild auf Nazi-Seiten auftauchen würde, wiegelt der Cop ab. Das könne man ja noch nicht wissen. Man bekommt das Gefühl, die junge Dame solle sich erst wieder bei der Polizei melden, wenn es zu spät ist. #DankePolizei.

Update 24.08.2020: Hier der Bericht vom ODAK-Kulturzentrum bei Facebook:

Ein halbes Jahr nach Hanau – wir stellen uns gegen Rassismus und stehen ein für eine solidarische Gesellschaft. Mit 150 Menschen und verschiedenen politischen Organisationen haben wir gestern ein klares Zeichen gesetzt.

Es wurden Reden gehalten über Rassismus, den Zusammenhang mit Kapitalismus und über den Kampf der antirassistischen Bewegung für eine solidarische Gesellschaft. Die Redebeiträge kamen von Odak Kulturzentrum und von Palästina Antikolonial. Es wurde klargemacht, dass Rassismus ein internationales Problem ist. Außerdem gab es Musik auf Kurdisch, Türkisch, Arabisch und wir haben das antifaschistische Lied Bella Ciao gemeinsam auf Italienisch gesungen. Im Anschluss an unser Programm haben wir die Kundgebung aus Hanau auf einer Leinwand live angesehen, auf der die Angehörigen der Opfer zu Wort gekommen sind.

Die geplante größere Demo in Hanau wurde vom Bürgermeister verboten – angeblich wegen der Corona-Ausbreitung. Das ist Unsinn! Die Organisator*innen hatten alle Sicherheitsmaßnahmen vorbereitet und die Demo hätte stattfinden können. Auch in Hamburg wurde am Mittwoch die Hanau-Demo ungerechtfertigter Weise von der Polizei aufgelöst. Während diese Demos in Gedenken an die neun Opfer eines rassistischen Mordanschlags verboten werden, dürfen tausende Corona-Leugner regelmäßig Demos veranstalten – ohne Masken, ohne Sicherheitsabstand. Das Demoverbot war eine politische Entscheidung und ist vollkommen undemokratisch! Und es zeigt erneut, dass wir uns im Kampf gegen Rassismus auf staatliche Stellen nicht verlassen können.

Gegen Ende der Kundgebung haben sich zwei Nazis an den Rand unserer Veranstaltung gestellt und sie beobachtet. Sie trugen T-Shirts mit der Aufschrift „Nationaler Widerstand“, was eine offene Hitlerverehrung ist. Einer von Ihnen hatte Quarz-Handschuhe dabei (gefährliche Schlaghandschuhe für Türsteher). Wir sind zu ihnen gegangen und haben ihnen deutlich gemacht, dass sie nichts auf dieser Veranstaltung zu suchen haben und den Platz verlassen sollen. Die Nazis haben provoziert und sagten uns, dass sie in ihrem eigenen Land natürlich „national eingestellt“ seien. Wir sind darauf nicht eingegangen und haben nochmal gesagt, dass sie den Platz verlassen sollen, woraufhin die Nazis anfingen unsere Gesichter zu filmen. Als wir sie wegdrängen wollten, kam die Polizei und hat sich vor uns aufgebaut. Die Polizist*innen haben uns dazu aufgerufen, dass wir uns beruhigen sollen, während die Nazis hinter ihnen weiter unsere Gesichter gefilmt haben. Wir haben den Polizist*innen sachlich erklärt, sie sollten die Nazis auffordern, mit dem Filmen aufzuhören. Aber mit den Nazis haben sie sich nicht beschäftigt – nur mit uns. Als wären wir die Gefahr! Wir, die heute wegen genau solcher Nazis neun Toten gedenken mussten. Die Gefahr stellen Nazis dar, die unsere Gesichter aufgenommen haben. In den letzten 30 Jahren wurden über 200 Menschen in Deutschland durch rechte Gewalt ermordet. Nachdem die Nazis zufrieden mit Videos und Fotos von uns weggehen konnten, haben wir die Polizei auf ihr Fehlverhalten angesprochen. Es kam aber überhaupt keine Einsicht. Sie haben uns nur gesagt, dass wir in einer Demokratie leben und dass man mit Kampfhandschuhen und Nazi-T-Shirts Gedenkkundgebung stören darf und unsere Gesichter aufnehmen darf. Faschismus soll also eine demokratische Meinung sein, die wir ertragen müssen. Wir sagen: Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen!
Als eine von Rassismus Betroffene einem Polizisten sagte, dass sie wegen der Aufnahmen Sorge um sich habe, erwiderte der Polizist: „Ob sie etwas mit den Aufnahmen machen, ist ja noch nicht sicher.“ Wir sollen also abwarten und gucken, ob die Nazis etwas vorbereiten? Das ist also das, was der deutsche Staat aus dem Hitlerfaschismus gelernt hat? Wir sagen: Bei Antirassismus und Antifaschismus können wir uns nicht auf den Staat und seine Institutionen verlassen und sie unterstützen Faschisten sogar. Es kommt darauf an, dass wir uns organisieren und vereint einsetzen – gegen Rassismus, gegen Faschismus und für eine solidarische Gesellschaft.

Nie wieder Hanau!

Zum Weiterlesen:

Gedenkkundgebung: „Wir sind hier! Vereint gegen Rassismus!“ – Münster, Februar 2020

„Wir werden immer wieder aufstehen!“

Rechtsterror in Hanau: Wacht endlich auf!