Gedenkkundgebung: „Wir sind hier! Vereint gegen Rassismus!“ – Münster, Februar 2020

Am 29. Februar 2020 fand die zweite Gedenkkundgebung aus Anlass des brutalen Anschlags von Hanau statt. Die Veranstalter*innen schrieben in der Einladung: „Am 19. Februar 2020 wurden neun Menschen ermordet, die von der Mehrheitsgesellschaft als ‚nicht deutsch‘ gelesen werden. Das Motiv des Täters: Rassismus. Viele von Rassismus betroffene Personen sind geschockt von der Tat, jedoch nicht überrascht.“ Aber die Betroffenen fragen sich nicht, ob so ein Anschlag noch einmal geschehen werde, sondern wann er geschehen wird. Nichtsdestotrotz wollen sie sich nicht einschüchtern lassen!

„Sie werden uns immer wieder daran erinnern, dass es kein Vergeben und kein Vergessen geben darf“

Deshalb kritisierte Karaca Kaplan vom Odak Kulturzentrum auch auf der Gedenkkundgebung den Rassismus, der in vielen Strukturen dieser Gesellschaft vorhanden ist. Vom Alltagsrassismus, der oft geleugnet wird, über racial profiling, das Einwanderungs- und das Asylgesetz bis zur Verweigerung der Seenotrettung. „Es sind politische Parteien wie die AfD und Politiker wie zum Beispiel Höcke, Maaßen und Merz, die den Nährboten für die rassistischen Morde geschaffen haben“, so Kaplan. Und sie kritisiert, dass in dieser Zeit, in der sich der Rassismus und die Gewalt immer mehr ausbreitet, die CDU und FDP in Thüringen mit der AfD zusammenarbeiten. In dieser Zeit sei der Anschlag von Hanau für von Rassismus betroffene Menschen „schockierend, aber nicht überraschend“ gewesen. Sie könne deshalb verstehen, wenn sich von Rassismus betroffene Menschen überlegen würden dieses Land zu verlassen. Sie würden aber einen anderen Weg gehen:

Ekrem Atalan (DKGZ)
Copyright: (c) Jan Große Nobis
Bildinformationen: Ekrem Atalan (DKGZ)|, Gedenkkundgebung: „Wir sind hier! Vereint gegen Rassismus!“
1/80 Sek. F 5.6|Dateiname: 20200229_jgn_img_6192
Download nur für angemeldete Benutzer  
„Wir jedoch haben uns für einen anderen Weg entschieden: Einen Weg der uns viele Nerven, viel Geduld und vor allem viel sehr Kraft kosten wird. Wir werden an persönliche und emotionale Grenzen stoßen. Wir werden jedoch immer wieder aufstehen und gemeinsam den Rassismus bekämpfen. Egal was der Preis dafür sein wird. Weil wir glauben, dass eine andere Welt möglich ist!

Diese schmerzhaften Erfahrungen führen zu Wunden. Zu Wunden, die immer und immer wieder bluten. Einige Wunden werden mit der Zeit zu Narben. Zu Narben, die wir bis an unser Lebensende in uns tragen werden. Sie werden uns immer wieder daran erinnern, dass es kein Vergeben und kein Vergessen geben darf.“

„Halten wir gemeinsam zusammen“

Dr. Lütfü Yavuz, der Vorsitzende des Integrationsrates Münster, kritisierte, dass die Gefahr des rechtsextremistischen Terror immer noch nicht anerkannt werde: „Der rechtsextremistische Terror wird nicht ernst genommen, er wird ignoriert oder sogar verharmlost“. Es müssten endlich „systematische, zielorientierte wie auch parteiübergreifende Maßnahmen“ ergriffen werden. Er erinnerte auch daran, dass jüngst über zehntausend Menschen in Münster gegen die AfD protestiert haben. Sein Fazit: Gegen Rassismus und Terrorismus „halten wir gemeinsam zusammen“ und kündigt einen Ratsantrag an, in dem gefordert wird, eine Gedenkstätte für die NSU-Opfer einzurichten: „Zehn Bäume sollen für die zehn NUS-Opfer und ein Baum für weitere Opfer stehen“. Abschließend fordert er die Behörden auf, „den Angriff in Hanau zügig aufzuklären und die Täter zu verurteilen!“

„Setzen wir uns für eine Gesellschaft, in der es nicht Angst machen muss, anders zu sein!“

In einem Grußwort machte Sharon Fehr von der Jüdischen Gemeinde Münster (da am Samstag Shabbat war, konnte der Sprecher der Gemeinde, Sharon Fehr, nicht an der Kundgebung teilnehmen) deutlich, dass die Mitglieder der Gemeinde „immer noch unter dem Eindruck der antisemitischen, rassistischen Verbrechen vor kürzester Zeit“ stehen würden. Er führte aus:

„Dreimal mussten wir die Spirale rassistischer, faschistischer Gewalt in Deutschland erleben: Es war einmal ein Repräsentant des Staates, der Regierungspräsident Walter Lübke, es war einmal eine Synagoge in Halle und galt jüdischen Menschen und es war jetzt eine Shisha-Bar, wo sich hauptsächlich muslimische Menschen treffen“. Und weiter: „Ja liebe Freunde, ich stimme Euch zu, wenn ihr auch wie wir sagt, diese Spirale antisemitischer und rassistischer Gewaltverbrechen sind Angriffe auf unsere bunte, interkulturelle Gesellschaft.“

Ärgerlich sei dabei, dass ausgerechnet jene, die in menschenverachtender Weise von „Kopftuchmädchen, alimentierten Messermännern“ sprechen und das gesellschaftliche Klima vergiften würden, ihre „Hände in Unschuld waschen“ würden. Ebenso kritisierte er die „unsägliche“ Aussage des Ministers Horst Seehofer, die Migration sei die Mutter aller Probleme.

Daher rief Sharon Fehr dazu auf: „Lasst uns gemeinsam Hand in Hand Aufstehen gegen jedwede Hetze im Netz, gegen antisemitische oder rassistische Parolen auf dem Schulhäfen, am Arbeitsplatz, in den Kneipen! Erheben wir gemeinsam die Stimme!“

Und er fordert, dass wir folgendes nicht mehr zulassen:

  1. „dass politisch zynisch kalkulierte Brandstiftung unsere Gesellschaft verunsichert,
  2. dass Menschen ihre Würde und ihre Rechte verlieren,
  3. dass jüdische Mitbürger*innen auf Grund ihre jüdischen Religion bespuckt, beleidigt, körperlich drangsaliert und bedrängt werden.“

Abschließend rief er dazu auf, dass „niemand gleich welcher Herkunft, welcher Hautfarbe, welcher Sprache und welcher Religion Angst haben sollte und überlegen müsse, das Land verlassen zu wollen“:

„Bieten wird den Nationalisten, Faschisten, Rassisten und Antisemiten die Stirn und zeigen wir ihnen, dass wir mehr sind und dass wir nie aufhören werden, uns für eine Gesellschaft einzusetzen, in der es nicht Angst machen muss, anders zu sein!“

„Es gibt keine Ausrede mehr für niemanden in der Bundesrepublik“

Auch Dr. Georgios Tsakalidis von der Migrantenselbstorganisation AFAQ macht der Anschlag wütend. Er warnte davor, dass der Terror zur „Normalität“ in Deutschland werden könne. Und er sagt: „Es gibt keine Ausrede mehr für niemanden in der Bundesrepublik!“ Jedem*r müsse die Situation klar sein. Keine*r könne mehr von nichts gewusst haben. Wegschauen dürfe man nicht mehr. Das dürfe man nicht mehr zulassen. Einmischen sei die Devise. Denn: „Wir sind mehr! Dann zeigen wir, dass wir mehr sind!“, so Georgios Tsakalidis. Diese Demokratie sei vielleicht nicht die Beste, sie sei aber eine. Und diese Demokratie dürfe nicht der AfD überlassen werden. „Seien wir humanistisch, seien wir solidarisch!“

„Erdogan ist die falsche Kondolenzadresse!“

Kenan Ciftci vom Demokratisch-Kurdischen Gesellschaftszentrum freute sich, dass diesmal viel Anteilnahme aus der Politik gekommen sei. Er erinnerte daran, dass damals nach dem Brandanschlag in Solingen im Jahr 1993 der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl sich unwirsch geweigert hatte, am Gedenken an die Opfer teilzunehmen. Nun seien die migrantischen Mitbürger*innen anerkannt als Bürger*innen dieses Landes:

„Sie gehören wie alle anderen auch dazu, wer dagegen ist, ist gegen uns. Diese Ansicht ist ein Fortschritt, aber nur ein halber. Denn wieder gab und gibt es Zuschreibungen, die den Opfern nicht gerecht werden. Unter den in Hanau ermordeten sind vier Kurden, ein Bulgare, ein Roma, ein Rumäne, ein Mensch aus Bosnien-Herzegowina und ein Afghane.“

In der öffentlichen Wahrnehmung seien sie aber bald über einen Kamm geschert worden. So habe sich unter anderem Innenminister Seehofer mit der türkischen Gemeinde, aber nicht mit den kurdischen Vertreter*innen in Hanau. „Das erweckte den Eindruck, der Anschlag habe allein den in Deutschland lebenden ethnischen Türken gegolten“. Angela Merkel habe dem türkischen Staatspräsident Recep Erdogan kondoliert. „Ganz so, als wäre diese Tat ein Anschlag auf die Türkei gewesen. Dabei würden sich gerade die vier kurdischen Ermordeten ja nicht gerade von Erdogan vertreten fühlen: Für diese sei „Erdogan die falsch Kondolenzadresse!“ Deshalb hätten auch türkische Nationalist*innen das Gedenken an Hanau vereinnahmen können.

„Alle zusammen gegen Faschismus und gegen Rassismus!“

Ekrem Atalan, ebenfalls vom Demokratisch-Kurdischen Gesellschaftszentrum, zog auch aus dem jüngsten Anschlag daher das Fazit:

„Es heißt, wir müssen den Anfängen wehren, das ist so wie ein Schneeball, wenn am Anfang nicht zertreten wird, kann er zu einer Lawine werden. Dann werden die Menschenrechte, die wir uns in Jahrzehnten so hart erkämpft haben, untergraben. Deshalb: Alle zusammen gegen Faschismus und gegen Rassismus!“

An der Veranstaltung nahmen über 400 Menschen teil. Die Veranstalter*innen waren: Odak Kulturzentrum, Verein für politische Flüchtlinge, Integrationsrat, AFAQ, Jüdische Gemeinde Münster, Persisch-Deutsche Kulturbrücke Poll Münster, Alevitisches Kulturzentrum Münster und Umgebung und das Demokratisch-Kurdische Gesellschaftszentrum Münster.

Jan Große Nobis