Die Kriegslüge 1939 betraf auch Dietzhausen

Jeder Krieg beginnt mit einer Lüge. Am 1. September 1939 mit der, dass polnische Soldaten den Radiosender Gleiwitz angegriffen hätten. Adolf Hitler hatte den verlogenen Kriegsgrund genutzt und ausgerufen: “Ab 5 Uhr 45 wird zurück geschossen.” Dabei war alles von langer Kriegsverbrecherhand vorbereitet. Unmittelbar überfielen deutsche und slowakische Truppen Polen. Auch 2019 wird dem ungeheuerlichsten aller Kriege seit Menschengedenken inclusive Völkermord mit seinen unvorstellbaren Greueln gedacht werden müssen. Der 1. September ist unauslöschbarer Bestand unserer Geschichtserinnerung. Weiter unten mehr!

 

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Moralisch heruntergekommene Diskussion

Wie moralisch herunter gekommen diese Zeit gelegentlich bewertet wird, machte der Sprecher der AfD, Dr. Alexander Gauland, mit der geistig verwirrten Ansicht deutlich, die Deutschen hätten “das Recht, stolz zu sein auf Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen”. Für ihn waren Hitler und die Nazis “nur ein Vogelschiss in über 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte.” Es soll ja Menschen geben, die längst am eigenen Totenhemd stricken und dennoch im Alter nicht klug werden wollen.

Rudi Denner, geboren ein halbes Jahr vor Kriegsbeginn im thüringischen Dietzhausen, erinnert, wie der Krieg in seinen Ort kam. Das Neue Deutschland widmete seiner Ausstellung gar eine Doppelseite. Ursprünglich, so das ND, war Dietzhausen rot mit satten 65 Prozent Kommunisten und SPDlern. Nach der rechten Gehirnwäsche wurde der Ort schnell naziverseucht, weil viele – auch Linke – nicht glauben wollten, dass Hitler wählen Krieg bedeutete. Heute hat man das beklemmende Gefühl, dass sich schleichend ähnliches zusammenbraut. Die Aggression gegen Fremde und Minderheiten, Rassismus und Ausgrenzung sind unverkennbar – nicht nur in Deutschland.

Manche schauen nur auf die eigenen Toten

Im kleinen Örtchen Dietzhausen kamen im Krieg 40 Menschen um, 20 gelten als verschollen. Das ist die eine Seite. “Doch fragt jemand, wie viele Menschen die aus Dietzhausen stammenden Soldaten umgebracht haben?”, stellt Rene Heilig in seinem Artikel treffend fest. Die Fotografien aus Dietzhausen stammen alle aus privaten Beständen der Dorfbewohner und waren nicht von Fotografen gemacht. Verwackelte Kriegsfotos lassen die Bewertung zu, dass die Hand bei Druck auf den Auslöser zitterte. In diesem Krieg gab es entgegen falscher Auffassung keine Helden, sondern überall nur Menschen, die Angst hatten um sich und ihre Familien.

Vergessene Zwangsarbeiter

Angst hatte sicher auch die von Nazis missbrauchten Zwangsarbeiter in Dietzhausen. Der Betriebsarzt der Suhler Gustloff-Werke im November 1943: “In unserem Lager Dietzhausen sind z. Zt. u. a. 55 Ostfamilien mit ihren 124 Kindern aller Lebensalter untergebracht. Diese Familien, die im Rahmen der Räumung aufgegebener Gebiete mit zurückgenommen wurden, kamen nach dreimonatiger Marsch- und Reisezeit in das genannte Lager. Der Gesundheits- und Kräftezustand dieser Menschen, insbesondere der Kinder ist geradezu erbärmlich. So erlagen in knapp vier Wochen sieben Kinder im Alter von 2–3 Jahren kleinen akuten Infekten. Als mittelbare Todesursache muss jedoch die hochgradige Widerstandslosigkeit und Anfälligkeit infolge des miserablen Ernährungs- und Kräftezustandes angesprochen werden.” (ND, 1.9.2019)

Rudi Denner, Urgestein unseres Verbandes R-mediabase, hat nach seinen bundesweit wahrgenommenen “Streifzügen” durch den I. Weltkrieg wieder eine großartige Leistung vollbracht mit dem Blick auf den II. Weltkrieg in seinem Dorf, in dem er die Bewohner für die Aufarbeitung der eigenen Geschichte begeisterte – eine Geschichtswerkstatt der besonderen Art. Zur Eröffnung sprachen außer Rudi Denner auch Norman Kummer (Ortsteil-Bürgermeister), Ina Leukefeld (MdL Thüringen), Gerald Schapelt als Vorsitzender des Heimatvereins und Elisabeth Pfesdorf als Vertreterin der Friedensbewegung Suhl. (1.9.2019, Hans-Dieter Hey, Fotos: Rudi Denner)