Berlin: Zeitzeugin des Faschismus an Covid-19 verstorben

Die Zigarette mit 1920ig-damenhafter Spitze zwischen den Fingern, eine Tasse Kaffee auf der Kommode neben sich, und immer eine Katze um sich herum: so hielt die Lehrerin, Psychologin und Buchautorin Eva Sternheim-Peters (*1925) bis zuletzt in ihrer Berlin-Charlottenburger Altbauwohnung Hof und parlierte mit Besuchern über Gott und die Welt. Am 12.04.2020 ist Sternheim-Peters an den Folgen einer Covid-19-Infektion verstorben. Am 06.05.2020 erfolgte im kleinen Kreis ihrer engsten Freunde die Urnenbeisetzung auf dem Südwest-Friedhof in Berlin-Stahnsdorf.
Bekannt wurde Eva Sternheim-Peters durch ihr biografisches Werk „Habe ich denn allein gejubelt? – Eine Jugend im Nationalsozialismus“, erstmals erschienen 1987. Anlässlich einer Neuauflage aus 2012 erfolgte auch ein Interview mit der Autorin durch r-mediabase samt Rezension, zu finden unter:

Die Idylle statt den Abgrund gesehen

Eva Sternheim-Peters
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Bildinformationen: Eva Sternheim-Peters|Mit Zigarette im Sessel, und die Katze mit dabei: im Gespräch mit Gästen in ihrer Wohnung
1/20 Sek. F 7.1|Dateiname: 20160110_hdh_6831_20160112_1231762590
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Während bei der Mehrheit der Deutschen Verdrängung, Bagatellisierung und Täuschung über das eigene Verhalten in der Diktatur vorherrschte, hatte sich die Autorin mit der eigenen Rolle als ehemalige Fahnenträgerin des Bundes Deutscher Mädel (BDM), der Mädchenabteilung der nationalsozialistischen Hitlerjugend, auseinandergesetzt und anhand ihres Einzelschicksals vor Augen geführt, wie sich ein ganzes Land zu solch einem verbrecherischen Räderwerk gewandelt hatte – und wie man selbst zu einem lange unkritischen „Rädchen“ wird. Und das selbst dann noch blieb, nachdem beide Brüder der Heranwachsenden im Krieg gefallen waren.
In einer Medienlandschaft, die lange Zeit eher die geschönten „Erinnerungen“ ehemaliger Nazigrößen wie Albert Speer verbreitete oder sich gefälschte Hitler-Tagebücher aufschwatzen ließ, fand Eva Sternheim-Peters jahrelang keinen Verlag für ihre realistischere Rückbesinnung. Auch nach der Veröffentlichung blieb es lange ruhig um dieses Buch. Erst nach einem Portrait der Autorin im Berliner „Tagesspiegel“ anlässlich ihres 90. Geburtstages gab es ein spätes Erwachen des öffentlichen Interesses, und so war Sternheim-Peters im hohen Alter noch als Zeitzeugin zu Vorlesungen und Diskussionen mit Schülern und Studenten in der ganzen Republik unterwegs.
Daneben war ihre geräumige Berliner Wohnung lange Zeit ein internationaler Treffpunkt. Jahrelang bot sie hier meist jungen Gästen für 10,00 € pro Tag eine Schlafstelle, inclusive Frühstück. Das bestand aus 1 Tasse Kaffee und einem Marmeladenbrötchen, dazu durfte man Mitgebrachtes auch im häuslichen Kühlschrank unterbringen. Und wer Glück hatte, durfte etwa einmal im Monat an der Kaffeetafel mit selbst fabrizierter Schwarzwälder Kirschtorte teilhaben. Das alles verbunden mit regem Gedankenaustausch über Politik und Gesellschaft der Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft. Auch Andreas Baader soll hier einmal, vor seinem Abdriften in die RAF, zu Gast gewesen sein.
Verheiratet war Eva Sternheim-Peters ab 1968 mit dem deutsch-jüdischen Kunstmaler und Publizisten Arie Goral-Sternheim (1909-1996). Auch diesem wurde in seiner Geburtsstadt Hamburg späte Ehre zuteil: seit 2019 gibt es dort im Ortsteil Rotherbaum einen Arie-Goral-Platz.
Udo Slawiczek