Auf das Leben! Esther Bejarano feiert ihren 95sten Geburtstag

Im Jahr 2009 klingelt bei der Auschwitz-Überlebenden Esther Bejarano das Telefon. Ein junger Mann erzĂ€hlt ihr etwas von einem Musikprojekt. Und von der Mafia. Die couragierte Esther ist verunsichert: mit der Mafia möchte sie nichts zu tun haben. Das MissverstĂ€ndnis klĂ€rt sich schnell: Kutlu Yurtsever, ein engagierter linker Rapper der Kölner Gruppe Microphone Mafia bittet um eine Zusammenarbeit. Seitdem steht die betagte Antifaschistin und ausgebildete Musikerin regelmĂ€ĂŸig auf der BĂŒhne. Am 15. Dezember 2019 feiert die nunmehr auch durch zahlreiche Talkshows sehr bekannte Zeitzeugin ihren 95sten Geburtstag.

Einige Veröffentlichungen bei R-mediabase:

Bejarano auf Tour in Kuba – Bejarano& Microphone Mafia sup. The Dirty dozen – Antifaschistischer Widerstand in Europa 1922 – 1945 – Ausstellungseröffnung in Dortmund – Konsum statt Gedenken? Niemals!

Text zum Mitsingen: “Wir leben ewig”

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Der 95. Geburtstag von Esther Bejarano
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AnfĂ€nge: Esther Loewy wird am 15. Dezember 1924 in Saarlouis als Tochter von Margarethe und Rudolf Loewy in eine sehr musikalische, jĂŒdische Familie geboren. Bei ihren Auftritten als Zeitzeugin, aber auch in ihren autobiographischen Schriften erinnert sie sich an eine behĂŒtete, unbeschwerte und glĂŒckliche Kindheit. Dieses GlĂŒck hielt jedoch nicht lange an: Antisemitische Beleidigungen und Bedrohungen prĂ€gten zunehmend den Alltag von Esther und den ihrer Familie. 1935 ĂŒbernahmen die Nationalsozialisten die Regierungsgewalt im Saarland und gliederten es ins Deutsche Reich ein. An den 9. November 1938 erinnert sich Esther als großen Schock: Ihr Vater, Veteran des Ersten Weltkriegs, TrĂ€ger des Eisernen Kreuzes und deutscher Patriot, wird verhaftet und verbringt mehrere Tage im GefĂ€ngnis; andere jĂŒdische MĂ€nner werden nach Dachau deportiert; ihre Schwester und andere werden fĂŒrchterlich zusammengeschlagen. AnfĂ€nglich vertraute ihr Vater noch auf seine Auszeichnung als Soldat, 1938 ist klar, dass es fĂŒr die Familie im nationalsozialistischen Deutschland keine Zukunft gibt.

EmigrationsplĂ€ne in die Schweiz scheiterten, weil Rudolf Loewy als ‚Halbjude‘ galt. In Berlin besucht Esther eine Jugend-Aliah-Schule, die sie fĂŒr die Emigration nach PalĂ€stina vorbereitet. Ihrer Schwester Tosca gelingt die Auswanderung nach PalĂ€stina, Esther jedoch nicht. Sie wird zur Zwangsarbeit gezwungen. Im November 1941 werden ihre nach Litauen verschleppten Eltern ermordet, was sie jedoch erst nach 1945 erfĂ€hrt.

Am 20. April 1943 wird die 18jĂ€hrige Esther nach Auschwitz verschleppt, ihr wird die Nummer 41948 auf den Arm tĂ€towiert. Auge in Auge mit Mord, KĂ€lte, Krankheiten, Zwang, MangelernĂ€hrung und Gewalt erscheint ihre Lage aussichtslos. Eines Tages wird sie jedoch von Zofia Czajkowska gefragt, ob sie eine Musikerin sei. Sie stellte in Auschwitz ein MĂ€dchenorchester zusammen und suchte eine Akkordeonspielerin. Esther, die in ihrer Jugend leidenschaftlich gerne gesungen und Klavier, aber nie Akkordeon gespielt hatte, lĂŒgt und Ă€ußert, dass sie auch dieses Instrument beherrsche. Durch die Übertragung ihrer Erfahrungen mit dem Klavierspielen gelingt es ihr, die richtigen Töne zu erzeugen. „Das war wie ein Wunder“, schreibt sie in ihrer Autobiographie. Jeden Tag muss sie fortan mit dem Orchester in Auschwitz spielen. „Wenn neue Transporte ankamen, die fĂŒr die Gaskammer bestimmt waren, mussten die Musikantinnen am Tor stehen und Musik machen“ erinnert sie sich in ihren 2013 erschienenen Erinnerungen. „Als die Menschen in den ZĂŒgen an uns vorbeifuhren und die Musik hörten, dachten sie sicher, wo Musik spielt, kann es ja so schlimm nicht sein. Was fĂŒr eine schreckliche psychische Belastung war das fĂŒr das Orchester!“.

Im November 1943 wird Esther nach RavensbrĂŒck verschleppt und zur Zwangsarbeit gezwungen. 1945 gelingt ihr auf einem Todesmarsch die Flucht – und sie ĂŒberlebt. Nach der Befreiung Deutschlands ist es ihr trotz zahlreicher Widrigkeiten möglich, im August 1945 nach PalĂ€stina zu emigrieren, wo sie bereits von ihrer Schwester Tosca erwartet wird. Am 15. September kommt sie an Deck des Schiffes Mataroa in Haifa an.

Zeitweilig arbeitet sie als Kinderpflegerin, absolviert ein Gesangsstudium und engagiert sich als Musikerin in einem mehrheitlich kommunistisch bzw. sozialistisch orientierten Arbeiterchor. Ende der 1940er Jahre lernt sie Nissim Bejarano kennen, den sie 1950 heiratet, den Vater ihrer beiden Kinder Edna (1951) und Joram (1952). Mit beiden steht Esther, gemeinsam mit ihren Freunden von der Microphone Mafia, bis heute auf der BĂŒhne.

Nach den Erfahrungen im Israelischen UnabhĂ€ngigkeitskrieg und im Sinai-Krieg, die ihre tiefe Aversion gegenĂŒber jeglichem Krieg verstĂ€rkten, sowie vor dem Hintergrund, dass sie die Hitze dieser WĂŒstenregion nicht vertrug, fiel die Entscheidung, den Staat Israel zu verlassen. Im Jahr 1960 war es soweit und die Familie migrierte – und trotz aller Bedenken, nach all dem Erlebten gerade wieder nach Deutschland zu ziehen, ließ sie sich letzten Endes in Hamburg nieder. Über ihre traumatischen Erlebnisse vermochte Esther lange nicht zu sprechen.

Nach und nach beginnt sie wieder zu musizieren. Auch ihre Tochter Edna wird Musikerin, Anfang der 1970er Jahre steht sie als SĂ€ngerin mit der Rockgruppe ‚The Rattles‘ auf der BĂŒhne. Mehr und mehr wird es Esther möglich, ĂŒber ihre Erfahrungen in Auschwitz zu sprechen. Sie engagiert sich politisch in linken ZusammenhĂ€ngen, auch im Umfeld der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) und fĂŒr die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA). Als Zeitzeugin tritt sie unzĂ€hlige Male in Schulen auf – bis zum heutigen Tag. Dabei wendet sie sich mit den Worten „Ihr habt keine Schuld an dieser Zeit. Aber ihr macht euch schuldig, wenn ihr nichts ĂŒber diese Zeit wissen wollt“ an SchĂŒlerinnen und SchĂŒler.

1989 erscheint ihr Buch „Man nannte mich KrĂŒmel. Eine jĂŒdische Jugend in den Zeiten der Verfolgung“. Esther wird nun immer wieder zu Lesungen eingeladen. Sie wird zu einer Person des öffentlichen Lebens, spricht im Bundestag, tritt in Filmen auf, erhĂ€lt zahlreiche Auszeichnungen fĂŒr ihr Engagement. 1986 gehört sie zu den MitbegrĂŒndern des „Auschwitz-Komitee in der Bundesrepublik Deutschland e.V.“. Immer wieder warnt sie vor dem Wiedererstarken rechter KrĂ€fte in Deutschland und beteiligt sich auch als betagte Dame an antifaschistischen Demonstrationen. 2013 erscheinen ihre „Erinnerungen“ in Buchform. Die Autobiographie trĂ€gt den Untertitel „Vom MĂ€dchenorchester in Auschwitz zur Rap-Band gegen Rechts“. Diese Rap-Gruppe, die Microphone Mafia, begeistert sie vor allem deshalb, weil sich hier Menschen mit sehr unterschiedlichen HintergrĂŒnden gemeinsam gegen Rechtsextremismus und Rechtspopulismus positionieren. Bei ihren Auftritten mit dem tĂŒrkischstĂ€mmigen Kutlu Yurtseven und dem italienischstĂ€mmigen Rossi Pennino betont Esther so immer wieder, wie großartig sie es findet, dass eine JĂŒdin, ein Moslem und ein Christ gemeinsam auf der BĂŒhne stehen, zusammen Musik machen und ein sie verbindendes Ziel verfolgen. Seit vielen Jahren sind die drei freundschaftlich verbunden, obwohl Esther zugibt, dass sie Rap eigentlich nicht wirklich mag, er ist ihr zu laut. In den letzten Jahren ist die vitale Antifaschistin fĂŒr ihr Engagement vielfĂ€ltig geehrt worden. So verlieh z. B. die Kölnische Gesellschaft fĂŒr christlich-jĂŒdische Zusammenarbeit ihr und ihrer Rap-Gruppe im Jahr 2014 den Giesberts-Lewin-Preis.

Und so hat Esther Bejerano gefeiert!

Nachdem vor Kurzem die PlĂ€ne des Bundesfinanzministers Olaf Scholz bekannt wurden, dass der VVN-BdA die Anerkennung der GemeinnĂŒtzigkeit entzogen werden soll, schrieb sie einen sehr emotionalen Brief und betonte: „Das Haus brennt – und Sie sperren die Feuerwehr aus!“ Dass Esther Bejarano auch noch mit ĂŒber 95 Jahren gemeinsam mit ihren Kindern und ihren ein halbes Jahrhundert jĂŒngeren Freunden der Microphone Mafia auf der BĂŒhne stehen wird, davon kann man sehr sicher ausgehen, denn wie sie selbst es in ihrem Brief an Olaf Scholz formuliert: „Wir Überlebenden haben einen Auftrag zu erfĂŒllen, der uns von den Millionen in den Konzentrationslagern und NS-GefĂ€ngnissen Ermordeten und GequĂ€lten erteilt wurde.“(17.12.2019, Stefan E. HĂ¶ĂŸl und Roland Kaufhold (Erstveröffentlichung bei Haglil), Fotos und Filmclip von Andrea Hackbarth-Rouvel)