„Aber Dalli: Wir holen uns die Stadt zurück“

Münster. Am 11. September 2020 fand wieder Münsters einzige explizit antikapitalistische Demonstration gegen Verdrängung und Repression im Bahnhofsviertel statt. Das war die zweite nach der Räumung der für kurze Zeit besetzten „Zentrale“, einem alten Gebäude der Deutschen Bundes Bahn, und der Demo „Dirty Dancing – das Viertel bleibt dreckig“ im letzten Jahr. Organisiert wurde die Demo von der Kampagne „Aber Dalli – für ein autonomes Zentrum in Münster“, dem Offenen antifaschistischen Treff „No Limit“, der antifaschistischen Gruppe „eklat“ und der Interventionistischen Linken Münster.

Kurz vor den Kommunalwahlen am Sonntag ging die Demonstration von dem ehemals besetzten Gebäude an der Hafenstraße 70 (das immer noch leer steht) über dem Hauptbahnhof zur Zentrale der Bundespolizei Münster an der Wolbecker Straße. Weiter ging es über die Bremer Straße zur stillgelegten Baustelle des Hafenmarktes. An der Demonstration nahmen laut Veranstaltern 250 Menschen teil.

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Aber Dalli: Wir holen uns die Stadt zurück
Copyright: (c) Jan Große Nobis

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Bildinformationen: Aber Dalli: Wir holen uns die Stadt zurück|Demo gegen Gentrifizierung, racial profiling und für ein autonomes Zentrum
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Auf der Auftaktkundgebung wurde die Forderung nach einem Autonomen Zentrum bekräftigt, schließlich hätte auch, aber nicht nur, junge Menschen keinen Ort in Münster wo sie sich selbstorganisiert und ohne teure kapitalistische Getränkeordnung treffen können.

Die Zwischenkundgebung fand bei der Zentrale der Bundespolizei statt. Dort wurde vor allem die Kampagne der Münsterschen Polizei gegen Kriminalität am Hauptbahnhof kritisiert. Migrantische Menschen würden dabei andauern kontrolliert, das könne man nur racial profiling nennen:

„Damit wird einmal mehr deutlich, welches Bild CDU und Teile der Stadtbevölkerung vom Bahnhofsviertel haben: den eines Schandfleckes. Die Logische Konsequenz: Es wird gegen Drogenberatungsstellen und deren Klienten gehetzt, rassistisch gegen Bewohner*innen/Besucher*innen des Viertels vorgegangen und stadtplanerisch versucht, das gesamte Quartier zu überformen. Die Stadtplanung ist von einer zutiefst neoliberalen Politik geprägt. Was wir vorfinden sind fortlaufende Privatisierungen, jährlich steigende Mietpreise und zunehmende öffentliche Überwachung. Damit einher geht die Verdrängung all jene*r an die Stadtränder, die sich nicht in das schicke Stadtbild fügen oder es sich schlichtweg nicht leisten können. Imbisse und Kneipen (wie die queere Bar Black Light) werden aufgekauft und gekündigt, um Platz zu schaffen. Büros, Apartments, überflüssige Einkaufscenter und vor allem Hotels sprießen rund um den Bahnhof aus dem Boden.

Gleichzeitig läuft eine Polizeikampagne gegen das Viertel, das nach dem neuen Polizeigesetz NRW als ‚gefährlicher Ort‘ deklariert wurde. Razzien gegen Wohnungslose und Drogenabhängige im Bahnhofsumfeld, sowie eine Vielzahl von rassistischen Polizeikontrollen gegen alle Menschen, die nicht ins Bild der weißen Mehrheitsgesellschaft passen, sind die Folge.“

Aber auch das europäische Grenzregime wurde kritisiert, das Menschen ausgrenze und so den europäischen Wohlstand gegen die Nicht-Europäer verteidige.

Das Demo-Bündnis machte an der stark kritisierten und stillgelegten Baustelle zum Hafenmarkt deutlich:

„Uns widert diese Entwicklung zutiefst an. Wir wollen ein Bahnhofsviertel, das frei ist von Verdrängung, Rassismus und Polizeigewalt. Ein Bahnhofviertel, in dem wir solidarisch zusammen leben. Ein Bahnhofsviertel in dem  Platz ist für Viele, für Drogenberatungsstellen, LGBTQ-Bars, und auch ein Autonomes Zentrum. Einer austauschbaren, fertigen Stadt der Reichen und Schönen stellen wir uns entgegen. Wir wollen Debatten führen und gesellschaftliche Auseinandersetzungen eingehen, damit auch andere Perspektiven die Stadt prägen und wir gemeinsam voneinander lernen können.“

Die Wut der verschiedenen politischen Gruppen spiegelte sich also in den Redebeiträgen und auf der Straße wieder. Kämpferisch wurde eine solidarische Stadt gefordert, die „Platz für Alle“ hat. Rassistische Gewalt müsse gestoppt werden. Und: Es wurde ein Münster gefordert, „das eben nicht durch private Investoren verbaut wird, sondern gemeinsam gestaltet wird“. In diesem Zusammenhang wurde immer wieder der Unmut über die aktuelle konservative Stadtpolitik geäußert. Der Wunsch nach einem Autonomen Zentrum wurde nachdrücklich geäußert.

Am Sonntag sind die Kommunalwahlen“, so die Sprecherin der Kampagne „Aber Dalli“ Julia Krahn: „Es muss sich viel in dieser Stadt verändern. Wir haben heute und werden auch in Zukunft weiter dafür streiten, dass Verdrängung und Repression ein Ende haben. Wir holen uns die Stadt zurück! Heute und auch morgen“.

Zum Abschluss solidarisierte sich die Demonstration mit den Geflüchteten in Moria und forderte deren Aufnahme in Deutschland.